Aufsatz : Die Digitalisierung verändert unsere Welt… und der Datenschutz reguliert sie* : aus der RDV 4/2026, Seite 192 bis 199
Der deutsche Bauingenieur Konrad Zuse entwickelt im Mai 1938 in Berlin eine Maschine, die rückblickend wie der Urknall unserer digitalen Gegenwart wirkt: die Z1. Im Wohnzimmer seiner Eltern, umgeben von Metallplatten, handgefeilten Bauteilen und improvisierten Mechaniken, entsteht der erste programmgesteuerte Computer der Welt. Es ist eine Maschine, die auf dem binären Zahlensystem (es gibt nur die Ziffern 1 und 0) und einer binärer Schalttechnik (nur zwei Zustände: An und Aus) basiert. Zuse demonstriert als Erster, dass Rechenprozesse nicht länger an rein mechanische Abläufe gebunden sein müssen, sondern elektronisch ablaufen können: Seine Maschine kann einem Programm folgen und dies nach Regeln und Anweisungen abarbeiten. Mit Zuse setzt also ein völlig neues Denken in der Technikgeschichte ein, das Elektronikzeitalter beginnt.
I. Leibniz Idee des binären Codes
Zuses Technik baute dabei auf der Idee des Philosophen und Universalgelehrten Gottfried Wilhelm Leibniz (1646 – 1716) auf. Dieser erdachte, dass alle Informationen, die man in Buchstaben und Zahlen fassen kann, sich auch binär codieren lassen, also als Abfolge nur zweier Ziffern: nämlich 0 und 1. Damit stellte Leibniz ein Grundschema der Digitalisierung auf, das sich zudem technisch-maschinell hervorragend abbilden ließ (0 und 1 für An und Aus, Loch oder Lochstreifen, Signal oder kein Signal) – und damit eröffnete sich die Möglichkeit, analoge Informationen in digitale Formate zu überführen, die sich maschinell einfach und vor allem extrem schnell verarbeiten ließen.
Anders als man intuitiv annimmt, ist die „einfältige“ binäre Codierung keinesfalls defizitär oder reduktionistisch: Schon Leibniz erkannte, dass es gerade die Einfachheit der Bausteine 0 und 1 ist, welche die Möglichkeiten der Darstellung von Vielfalt (unserer Lebenswelt und ihrer Erscheinungsformen) extrem mächtig macht. Ein aus möglichst kleinen Mosaiksteinen zusammengesetztes Bild kann letztlich sogar in großer Schärfe unsere komplexe und hochdifferenzierte Welt abbilden und eröffnet uns mittels Computertechnik die Möglichkeit, eine komplette zweite Welt entstehen zu lassen, in der sich unsere analoge Welt perfekt verdoppelt.
Computertechnik trägt in sich also das Potenzial beliebig vieler weiterer digitaler Welten. Im binären Code verwirklicht sich also, um ein hübsches Bonmot des Soziologen Armin Nassehi aufzugreifen, die Dialektik von Einfalt und Vielfalt.
II. Der Beginn der digitalen Ära
Was konnte man nun mit Zuses Z1 anstellen? Die Maschine beherrschte grundlegende arithmetische Operationen: Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division. Aber sie arbeitete dabei mit einem binären Gleitkommazahlensystem (reelle Zahlen werden als Exponentialfunktion binär dargestellt, was wenig Speicherplatz benötigt), das seiner Zeit weit voraus war. Ein Programm wurde über einen gelochten 35mm Filmstreifen eingelesen, eine Art archaische Form von Software. Die Z1 nervte ihre Bediener ziemlich, denn der Lochstreifen verklemmte sich meist, aber sie war trotz ihrer Fragilität und Störanfälligkeit ein Meilenstein der Digitalisierung.
Von diesem experimentellen Anfang führt eine erstaunliche Linie direkt in die frühe Digitalära der 1950er- und 1960er-Jahre, in der Lochstreifenrechner den nächsten Schritt markieren. Die frühen Rechenhilfen aus Asien, der chinesische Suanpan und der japanische Soroban und der römische Abakus erleichterten in früheren Zeiten als Schieberegler mit Speicherfunktion zwar das Rechnen, aber sie ersetzten den Menschen nicht. Alle Logik lag im Kopf des Bedieners. Der Lochstreifen hingegen bedeutete einen radikalen Bruch mit dieser Tradition: Zum ersten Mal wurden Befehle, Rechenwege und sogar kleine Programme aus dem menschlichen Geist herausgelöst und in ein Medium eingeschrieben, das die Maschine selbstständig auslesen und ausführen konnte. So wurde ein menschlicher Gedanke als eine Anleitung (oder „Befehl“) erstmals materiell und maschinenlesbar.
Mit zunehmender Miniaturisierung und steigendem Leistungsvermögen wanderten Computer aus Forschungsinstituten und Großrechenzentren heraus in Büros und später in private Haushalte. Die Desktop-Computer der 1980er- und 1990er-Jahre verkörperten erstmals die Vorstellung, dass Rechenleistung eine alltägliche Ressource werden könnte. Nur ein paar Jahrzehnte später schrumpfte diese Leistung weiter in ein Gerät, das in jede Hosentasche passt: das Smartphone – leistungsstärker als all die Großrechner, die einst ganze Räume füllten.
Von Zuses mechanischem Pionierapparat bis zu unseren mobilen Alltagscomputern spannt sich eine technische Entwicklung, die kaum jemand hätte erahnen können. Aus einem handgefertigten mechanischem Prototyp wurde eine Infrastruktur, die unser Leben, Arbeiten und Kommunizieren heute im Alltag prägt. Zuses Z1 hat den Boden für die Künstliche Intelligenz, über die wir heute sprechen vorbereitet.
III. EDV und WWW
Die elektronische Datenverarbeitung (EDV) setzte dieses Grundschema um, indem einem Rechner per Programmbefehl (sie bilden in ihrer Summe den sog. Algorithmus, also die eindeutige Handlungsvorschrift zur Lösung eines Problems) die Verarbeitungsschritte von Nullen und Einsen in vielen, klar definierten Einzelschritten eindeutig vorgegeben werden. Das macht EDV zu einer zwar einfältigen, aber extrem schnellen und zuverlässigen Hilfe.
Mit der Erfindung des World Wide Web durch Tim Berners-Lee Ende der 1980er-Jahre, wohlgemerkt nicht des Internets selbst, das bereits seit den 1960er-Jahren als Forschungsnetz existierte, nimmt die Digitalisierung eine völlig neue Richtung. Berners-Lee arbeitete am CERN. Im „Conseil européen pour la recherche nucléaire“, einem kooperativen europäischen Forschungszentrum, für das die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nach dem 2. Weltkrieg wieder nach Europa zurückkehren sollten, die vor Gewaltherrschaft und Verfolgung aus Deutschland und Europa geflohen waren, stellte Berners-Lee 1989 die grundlegenden Elemente vor, die wir heute selbstverständlich nutzen: HTTP, das Hypertext Transfer Protocol, das den Datenaustausch im World Wide Web zwischen Webbrowsern und Webservern regelt, damit Webseiten Bilder und Videos anzeigen können. Das HTML, die Hypertext Markup Language als Standardsprache für Webseiten, legte den Grundaufbau von Inhalten wie Text, Bildern, Links und Videos fest und realisierte damit die Idee eines universellen Systems, in dem Dokumente über Links miteinander verbunden sind. Während 1991 Mark Weiser seine Vision der vernetzten Welt entwickelt, geht Tim Berner-Lees erste Version des Internets online.
IV. Das Prinzip Internet
Dieser Schritt war tatsächlich ein radikaler kultureller Paradigmenwechsel. Während Computer bis dahin vor allem Maschinen zur Berechnung, Speicherung und Verarbeitung von Daten waren, wurden sie durch das Web zu eine Art globalem Fenster in vernetzter Räume. In diesem Raum, den BernerLee World Wide Web (WWW) nannte, waren Informationen nicht mehr lokal, sondern jetzt global organisiert und zugänglich. Da ging, sozusagen, ein globales Fenster auf.
Mit dem Internet entsteht ein völlig neues Prinzip: Nicht mehr die einzelne Maschine steht im Mittelpunkt, sondern ein Netz aus unzähligen Maschinen. Wissen wird nicht mehr als Sammlung einzelner Dateien verstanden, sondern als eine Art „Gewebe“, dessen Struktur von Verweislinien, Verknüpfungen und Beziehungen geprägt ist. Diese Idee, dass Information in einem offenen, verlinkten Raum lebt, prägt nicht nur unseren heutigen Alltag: sie prägt inzwischen das Denken selbst. Zum ersten Mal ist eine Datei, ein Text oder ein Bild nicht mehr an seinen lokalen Speicherort gebunden, sondern kann jederzeit und von überall abgerufen werden. Die Maschine entwickelt sich damit vom Rechner zu einem Vermittler von Information, die Computerleistung reduziert sich nicht mehr ausschließlich auf den Rechner vor Ort, sondern findet auf Servern statt, die miteinander verknüpft das heutige Netz darstellen.
Die Digitalisierung, also die Rekonstruktion unserer analogen Welt durch kleine Bausteine aus 0 und 1 eröffnet uns zugleich eine neue Sicht auf die Lebenswelt. Die Digitalisierung bezeichnet den Prozess, bei dem wir unsere analoge Welt in rechnerisch verarbeitbare Einheiten übersetzen. Wir verwenden dafür Bits, also die Abfolgen von 0 und 1. Die digitale Welt kann damit niemals eine direkte Kopie der tatsächlichen Wirklichkeit unserer analogen Welt sein. Sie ist immer eine technisch erzeugte Reduktion, die viele Aspekte der Realität erfasst, aber auch viele andere Aspekte schlicht nicht darstellt.
Mit Smartphones, Laptops, deren Kameras und Mikrofonen tragen wir heute ein Ensemble von Sensoren mit uns, die kontinuierlich die Wirklichkeit in messbare Signale zerlegen. Das Licht, das auf die Linse fällt, der Schall, der das Mikrofon erreicht, selbst die Bewegung unserer Schritte wird zu Daten, die sich verarbeiten, speichern, versenden und in Muster überführen lassen. Diese fortlaufende Übersetzung der Welt in Daten erzeugt eine zweite Ebene der Wahrnehmung: eine vermessene, modellhafte, auch abstrahierte Version unserer Realität. Was früher flüchtig war, ein Gespräch, ein Gesichtsausdruck oder ein spontan gewählter Weg durch die Stadt, wird heute speicherbar und rekonstruierbar. In dieser digitalen Schicht zeigt sich unsere Welt nicht mehr nur als Erlebnis, sondern als ein Datenraum, der analysiert, verglichen und dadurch auf eine neue Weise verstanden werden kann.
Ein Foto ist aus dieser Perspektive kein Bild, sondern ein Datensatz von Millionen Helligkeitswerten. Ein Lied ist kein Klang, sondern eine Abfolge digitaler Tonschnipsel (Samples). Selbst unser Standort ist kein Ort mehr, sondern ein Datenpunkt in einem Koordinatensystem, der sich mit anderen Datenpunkten verknüpfen lässt: zu Bewegungsmustern, Verkehrsströmen und sozialen Interaktionen.
V. Die digitale Wirklichkeit entsteht
Mit dieser auf Bits reduzierten Rekonstruktion der Welt verschiebt sich auch unser Verhältnis zur Wirklichkeit. Wir beginnen, die Welt nicht nur zu sehen, sondern zu messen. Nicht nur zu empfinden und individuell zu erinnern, sondern auf Festplatten zu speichern. Nicht nur zu erleben, sondern digital zu modellieren. Die Realität erhält eine zusätzliche Dimension in der Muster, Zusammenhänge und Strukturen sichtbar werden, die dem bloßen Auge und unserem Gehirn, das bis dahin keine Vorstellung von dieser digitalen Dimension hatte, verborgen bleiben. Diese neue Datenwelt ist zugleich Versprechen und Herausforderung. Sie ermöglicht Erkenntnisse, die vorher unmöglich waren. Analysen aus allen erdenklichen Daten, wie Medizin und Wirtschaft oder eben auch soziale Dynamiken aus Kommunikationsmustern.
In der digitalen Welt existiert nur, was messbar oder aufzeichenbar ist. Alles andere fällt aus dem Raster der Systeme, die auf Vergleichbarkeit, Wiederholbarkeit und formale Eindeutigkeit angewiesen sind. Gefühle, individuelle Empfindungen oder die innere Resonanz mit der Wirklichkeit entziehen sich dieser Logik. Sie lassen sich nicht speichern, nicht verifizieren, nicht ohne Weiteres reproduzieren. Was bleibt, sind Annäherungen, statistische Schatten, formalisierte Datenpunkte für etwas, das seinem Wesen nach situativ, leiblich und einmalig sein kann. Mit der Reduktion auf Daten geht auch der Kontext zur Wirklichkeit verloren. Daten kennen keine Erfahrung, sie tragen keine Erinnerung an das Erlebte in sich. Sie sind losgelöst von dem Moment, in dem sie entstanden sind, und von der Person, für die sie Bedeutung hatten. Bedeutung aber entsteht nicht aus der bloßen Existenz von Informationen, sondern aus ihrer Einbettung in Lebenszusammenhänge, in Geschichte, Erwartung und Sinn.
Die digitale Ordnung ersetzt diese Einbettung durch Strukturen: durch Kategorien, errechnete Zusammenhänge und später in Wahrscheinlichkeiten. Wirklichkeit kann nicht erfahren werden, sondern wird durch Daten rekonstruiert und abgebildet. An die Stelle von Erleben tritt Speicherung, an die Stelle von Bedeutung tritt Korrelation.
Damit verschiebt sich auch unser Verhältnis zur Welt. Wo früher Ungewissheit, Ambivalenz und Offenheit Teil menschlicher Erfahrung waren, treten Eindeutigkeit und Optimierung. Die digitale Welt duldet das Unbestimmte nur schlecht. Sie bevorzugt klare Signale, eindeutige Muster und verwertbare Abweichungen. Das Unmessbare kann nicht dargestellt werden.
Philosophisch betrachtet markiert dies einen tiefen Wandel: Die Welt erscheint nicht mehr als etwas, dem wir begegnen, sondern als etwas, das wir als Datenpunkte verfügbar machen wollen. Wirklichkeit wird zur Ressource, Erfahrung zur Datenquelle, der Mensch zum Produzenten von Messwerten. In diesem Prozess droht das zu verschwinden, was sich nicht funktionalisieren lässt. Manchmal das Erleben selbst, das zweckfreie Wahrnehmen, das sinnliche und emotionale In-der-Welt-Sein.
Je genauer wir die Welt messen, desto weiter entfernen wir uns von ihr. Die digitale Repräsentation wächst, während die unmittelbare Erfahrung an Bedeutung verliert. Die Frage ist daher nicht nur, ob Daten unsere Wirklichkeit korrekt abbilden (und das können sie nie vollständig), sondern auch, ob wir darin Räume bewahren, in denen Wirklichkeit jenseits von Messbarkeit erfahren werden darf.
VI. Digitale Verschiebungen
Durch die Digitalisierung verschieben sich zugleich auch die Grenzen zwischen privat und öffentlich: Wir können das Surf-Verhalten eines bestimmten Menschen im Internet mitprotokollieren und mittels Datensammlung und -verarbeitung auf seine Persönlichkeitsstruktur schließen. Wir können mit geeigneten Sensoren das Bremsverhalten eines Kfz-Fahrers analysieren und seine Fahrkünste mit günstigeren oder teuren Versicherungsprämien abbilden. Wir können durch das Erfassen und Auszählen von Sprechpausen eines Arbeitssuchenden beim Bewerbungsgespräch auf seine Nervosität oder Gewandtheit schließen und wir können an der Zeitdauer, welche bis zum Öffnen einer betrieblichen Mail verstreicht, ein verlässliches Soziogramm der Beschäftigten eines Unternehmens erstellen: Wessen Mail von Vielen sofort geöffnet wird, der ist kommunikativer Knotenpunkt, wessen Mails immer ungelesen gelöscht werden, der ist Außenseiter. Die Digitalisierung macht in unserer analogen Welt also auf ihre Art und Weise Unsichtbares sichtbar. In dieser Spannung bewegt sich die Digitalisierung: Sie befreit einerseits Informationen aus der Begrenztheit des Moments und zwingt uns gleichzeitig, neu zu bestimmen, was ein Erlebnis, ein Augenblick, eine Erinnerung in einer Welt bedeutet, in der alles in Daten verwandelt wird.
Der Prozess der Digitalisierung, in dem sich unsere Gesellschaft seit den 60er Jahren immer tiefer hineinbegibt, ist tiefgreifend, revolutionär und in gewisser Weise auch klammheimlich. Die Digitalisierung verdrängt jede Menge analoge Prozesse: die Papier-Zeitung wird vom ePaper abgelöst, der Plattenspieler von der CD und später von der Mp3 Datei. Das Fernsehschauen wird zum Streaming, die Präsenzarbeit wird vom Home-Office abgelöst, das Bargeld von der digitalen Bezahlung und das reale Treffen von der Videokonferenz. Diese Entwicklungen sind häufig auch disruptiv: Wann haben Sie zuletzt einen Brief handschriftlich verfasst und zum Briefkasten getragen? Und wann eine öffentliche Telefonzelle genutzt?
Die unmittelbaren technischen Vorteile der digitalen Welt sind überzeugend: Digitale Daten erlauben eine unbegrenzte Nutzung, Bearbeitung, Vervielfältigung und Verteilung in elektronischen Datenverarbeitungssystemen. Man kann Daten sogar wortweise durchsuchen und der Platzbedarf für ihre Speicherung ist deutlich geringer als bei analogen Formen der Archivierung. Die digitalen Möglichkeiten erleichterten die Bearbeitung von Informationen und schaffen ganz neue Formen der Kreativität. In der Musik zum Beispiel Zitate, Samples und deren Weiterbearbeitung, was den kulturellen Austausch und den Dialog beflügeln.
Gerade der letztgenannte Vorteil führt direkt zu den offensichtlichen Nachteilen der schönen neuen digitalen Welt: Digitale Vervielfältigung sorgt nicht nur für einen Verlust der Bedeutung und Wertigkeit der Originale, sie bedroht nicht selten auch die menschliche Originalität. Dass die Verletzung von Urheberrecht anderer Schöpfer radikal vereinfacht wird und dass betrügerische Fälschungen für Verunsicherung sorgen, versteht jeder sofort; dass aber digitale Kopiermöglichkeiten Kreativität abwürgen können, weil die Geduld fehlt und der Wunsch, Eigenes zu schaffen, unter den Verlockungen sofort verfügbarer Werke frustriert und begraben wird, das fällt nur dem etwas Nachdenklicheren auf.
Die Digitalisierung verändert die Sicht auf unsere Welt und auf uns selbst: Sie kann Muster in unserem Verhalten aufdecken, das wir selbst nicht kennen, und uns als wesentlich gleichförmiger und unspontaner ausweisen, als wir es selbst wahrhaben möchten. Die Datenanalyse eines Google Kalenders oder des Navigationsgerätes führt zu hochindividuellen Mustern, welche als Basis von Vorhersagen künftigen Verhaltens dienen und unsere Vorstellung von uns als lebendigem, kreativem, spontanem und so besonderem Menschen als Fehlvorstellung entlarvt. Digitalisierung bedeutet eben immer auch: Eine mögliche Demütigung durch Daten.
Zur neuen Sicht auf unsere Welt gehört aber eben auch, dass die Digitalisierung dabei hilft, Korrelationen zwischen Menschen, Prozessen und unserer Lebenswelt zu erkennen. Diese beruhen zwar nur auf reinen Wahrscheinlichkeitsbetrachtungen und weisen nicht die zwingende Klarheit wissenschaftlich belegter Kausalitäten auf, aber für den Lebensalltag sind diese Wahrscheinlichkeitsbeziehungen oftmals genauso nützlich. Nutzen Sie payback im Supermarkt? Dann kann der Algorithmus entdeckten, dass Sie eher um 17:00 Uhr Milch kaufen als um 11:00 Uhr und dass wer Milch kauft auch regelmäßig Apfelmus erwirbt; dann kann sich die Werbebranche ebenso darauf einstellen wie der Supermarkt und wird aus dieser Korrelation, die dem Kunden überhaupt nicht bewusst ist, seine Schlüsse ziehen.
Digitalisierung erschließt damit sehr verschiedene Potenziale: ökonomisch lassen sich mit diesen neuen Einsichten Effizienz und Effektivität steigern, ökologisch die Nachhaltigkeit unseres Wirtschaftens und Verhaltens, der Sicherheitsbereich profitiert von neuen Ansätzen zur Gefahrenabwehr und auch kulturell winkt Fortschritt, durch die Verbreiterung der Kritikmöglichkeiten und die Entwicklung von neuen Alternativen. Auch politisch entstehen neue Möglichkeiten des Verständnisses und der Steuerung der Gesellschaft. Ob die nun mittels Digitalisierung erschließbaren neuen Möglichkeiten zur Synchronisierung unserer Gesellschaft positiv oder negativ zu bewerten sind, steht auf einem anderen Blatt.
VII. Die digitale Zerlegung der Welt
Die Macht der Digitalisierung und der Grund für ihren fulminanten Erfolg darin, unsere Lebenswelt rapide zu verändern, beruht wesentlich darauf, dass ihr zugrunde liegendes Prinzip uns Menschen keineswegs fremd ist. Abstrakt gesehen zerlegt die Digitalisierung die analoge Welt in die beiden Zeichen Null und Eins, um sie zu speichern, zu übertragen und später wieder zu rekonstruieren. Diese Form der Reduktion ist aber keineswegs neu: Sie entspricht einer kulturellen und kognitiven Grundoperation des Menschen, die ihm völlig vertraut ist.
Schon bevor es digitale Technik gab, haben wir unsere Welt in vereinfachte Bausteine zerlegt, um sie denken, speichern und weitergeben zu können. Die Fingerzeichen, auf die das lateinische digitalis („zum Finger gehörend“) verweist, waren frühe Instrumente, um Mengen oder Bedeutungen sichtbar zu machen. Die Welt der Laute, der Zahlen, der Buchstaben folgt ein und demselben Muster. Oder denken wir bei der Welt des Klangs an Musiknoten. Was für ein einfaches und effektives System, um Musik weiterzugeben und diese auch zu spielen.
Unsere Lebenswelt wird durch Zeichen, Laute und Sprache in diskrete Elemente zerlegt, verflacht und vereinfacht, um aus dieser Reduktion heraus Bedeutungen aufzubauen, Erinnerungen zu speichern und neue, mögliche Welten zu denken.
Aus dieser Technik des Zerlegens erwachsen Begriffe für etwas, das nicht gegeben, sondern erdacht ist: „Leere“, „Null“, „Gott“ sind nicht Teil der Lebenswelt, sondern reine Gedanken. Utopien und Theorien entstehen aus denselben Bausteinen wie Alltagsgespräche. In Geschichten und Gesängen hat der Mensch sein Gedächtnis ausgelagert. Er hat Vergangenes konserviert und Zukünftiges entworfen. Sprache und Schrift bilden jene symbolischen Oberflächen, über die wir uns von den Grenzen des unmittelbar Realen abkoppeln und hineinbewegen in Räume des Denkbaren, vielleicht sogar des Unmöglichen.
VIII. Verbreitung von Wissen
Schriftzeichen und Zahlen haben es uns erstmals ermöglicht, über räumliche Distanz und über Generationen hinweg zu kommunizieren. Sie schufen einen gespeicherten Erfahrungsschatz, der Wissen nicht nur bewahrte, sondern vervielfältigte. Jede große technische Neuerung, vom Buchdruck über Radio und Fernsehen bis hin zum frühen Internet (1.0), hat diese Wissensbestände verbreitet, ihre Verbreitung beschleunigt und damit gesellschaftlich transformiert. Mit ihnen lösten sich alte Wissensmonopole auf, traditionelle Gatekeeper wie Priester, Schreiber oder Redakteure verloren ihre exklusiven Vermittlungsfunktionen. Über eine durch das Internet wach sende Öffentlichkeit entstand zudem ein dauerhafter Überschuss an Kritik, der die Menschheit in das bis heute andauernde Projekt der individuellen Aufklärung katapultierte.
Die Digitalisierung setzt genau an diesem Prinzip an, aber radikalisiert es. Sie verwandelt die Zerlegung der Welt in ein universelles Schema, in dem jede Form von Information, jede Bewegung, jedes Bild, jedes Wort, jeder physische Prozess in Bits übertragen werden kann. Damit wird aus einer kulturellen Technik der Vereinfachung eine technische Infrastruktur der Rekombination. Diese Reduktion eröffnet neue Welten und neue Weltsichten. Aber in ihr wird die Welt nur rechnerisch verfügbar beschrieben.
Hier entsteht der historische Bruch: Während Sprache Bedeutungen trägt, tragen digitale Daten zugleich Berechenbarkeit. Die Rekombination der Elemente ist nicht länger das Privileg der menschlichen Imagination. Sie wird in heutigen Sprachmodellen zur maschinellen Operation. Statt aus Buchstaben Sätze zu formen, generieren Softwaremodelle Muster, Wahrscheinlichkeiten und neue Daten. Das Bekannte wird von der Maschine fortgeführt, aber das Neue entsteht dabei nicht mehr allein im Kopf des Menschen.
IX. Maschinen als Weltenbauer
Die Digitalisierung ist deshalb nicht einfach eine weitere Station in der Geschichte der menschlichen Symbolsysteme. Es ist ihre Automatisierung und ihre Beschleunigung in einem Ausmaß, das die Dynamik unserer bisherigen Systeme noch einmal übersteigt. Sie folgt der vertrauten Geste der Vereinfachung und hebt sie zugleich auf eine Ebene, auf der die Zerlegung der Welt in eine Maschine eingespeist wird, die selbstständig rekonstruiert, kombiniert und extrapoliert. Darin liegt der eigentliche Grund ihrer historischen Wucht: Sie macht die alte menschliche Fähigkeit, aus Zeichen Welten zu schaffen, zu einem technischen Prozess, der sich in gewissem Grade von seinem Schöpfer emanzipiert. Die Maschine versteht zwar nicht die Bedeutung der Welt, kann mit ihren Zeichen aber extrem schnell, zuverlässig und vielfältig umgehen. Damit verschiebt sich der Charakter der Weltbeschreibung selbst: Nicht mehr der Mensch rekombiniert symbolische Bausteine, heute erledigen zunehmend Maschinen die Rekombination, und erzeugen damit Möglichkeitsräume, die häufig hilfreich, überraschend und inspirierend sind, sich teilweise aber auch unserem Verständnis entziehen.
Mit jedem Schritt der Digitalisierung lernen wir, die Welt neu und anders zu verstehen.
Mit dem Internet 2.0 erhielt der globale Wissensspeicher zusätzlich einen Rückkanal: die Interaktion. Diese vollständige weil gegenläufige Vernetzung ließ Social Media entstehen. Und mit dem Internet of Things bekam nahezu jeder Gegenstand der Lebenswelt ein digitales Echo, ein zweites Dasein in der Welt der Daten. Das Netz wurde damit nicht mehr nur ein Speicher, sondern eine umfassende Kommunikations-Plattform. Jeder kann nun zugleich Sender und Empfänger sein. Während auf der Senderseite die letzten Gatekeeper – Redakteure von Zeitung, Radio und TV als letzte Hohepriester und Torwächter – immer mehr an Bedeutung verlieren, formieren sich auf der Empfängerseite neue Akteure. Die Herren der Reichweite sind heute die Influencer. Sie organisieren Aufmerksamkeit, und übernehmen jene Funktion, die früher den Redaktionen vorbehalten war, nur unter völlig anderen Bedingungen.
X. Der Preis des Digitalen
Doch diese neue Form der Interaktion hat ihren Preis. Die extreme Beschleunigung aller Kommunikationsprozesse setzt Kräfte frei, welche eine Gesellschaft, die einst homogen wirkte, zunehmend von den Rändern her aufbrechen lassen. Wir lernen, dass die digitale Öffentlichkeit uns und unsere Gesellschaft fragmentiert. Lebensräume spalten sich ab, Erfahrungs- und Dialogräume trennen sich. Die dadurch entstehenden Zentrifugalkräfte zerren an unserer Gemeinschaft.
Andere Entwicklungen bedrohen den neu entstehenden „Freiheitsraum Internet“: Digitale Informationen über das Verhalten jedes Individuums, gewonnen durch personenscharfe Beobachtung aller User im Netz durch Tracking, ermöglichen einen „Überwachungsüberschuss“ und münden in einen Überwachungskapitalismus, einen Begriff, den die Havard Professorin Shoshana Zuboff geprägt hat.
Mit den zunehmenden technischen Möglichkeiten wandelt sich das Internet zu einem zentralen Wirtschafts- und Machtraum. Webtracking, Profilbildung und die Auswertung unseres digitalen Verhaltens öffnen einen neuen Markt: die kommerzielle Nutzung unserer Privatsphäre. Was früher intim und geschützt war, wird nun als Rohstoff erschlossen. Die großen Digitalunternehmen kartografieren diesen Raum bis in kleinste Verhaltensspuren hinein. Die anfänglich passive Analyse von Vorlieben und Mustern erweitert sich Schritt für Schritt zu aktiver Verhaltensbeeinflussung. Verfahren des Nudging, kleine, kaum bemerkte Schubser in Richtung erwünschter Entscheidungen, erhöhen die Präzision, mit der unser Verhalten vorhergesagt werden kann. Sie verändern die Bedingungen unter denen zukünftiges Handeln entsteht. Die Prognose und die Intervention fallen quasi zusammen. Was zunächst als Beschreibung beginnt, entwickelt sich performativ: Die Modelle sagen ein Verhalten voraus und formen die Umgebung so, dass genau dieses Verhalten dann wahrscheinlicher wird. Das Netz wird zu einem System der rechnerischen Rückkopplung. Es beobachtet nicht nur, sondern kann oft unterhalb der Schwelle bewusster Wahrnehmung beeinflussen. als self fulfilling prophecy par excellence.
Dabei entsteht auch eine neue Last des Individualismus. Die klassischen Gatekeeper fallen zunehmend weg, die Orientierungspunkte verschwinden, und die Komplexität durch den „information overflow“ einer global vernetzten Lebenswelt überfordert uns sowohl kognitiv als auch moralisch. Der Strom der Informationen wird zum Overkill; zugleich erzeugen digitale Standards, ästhetische Normen und algorithmisch verstärkte Trends zusätzlich einen stetig wachsenden Konformitätsdruck. In sozialen Netzwerken wird Individualität zunehmend als ein „Add-on“ behandelt, als etwas, das man mühsam pflegen oder dafür sogar bezahlen muss. Das liegt daran, dass diese Plattformen nicht darauf ausgelegt sind, individuelle Unterschiede sichtbar zu machen, sondern darauf, Aufmerksamkeit möglichst effizient zu verteilen. Aufmerksamkeit aber entsteht in Systemen, die nach Mustern funktionieren: nach Trends, nach dem, was bereits sichtbar ist, nach dem, was viele zugleich interessiert. Die Plattform belohnt deshalb das Wiedererkennbare, nicht das Einzigartige.
Was als „persönliche Ausdrucksform“ erscheint, wird durch die Logik der Plattformen in ästhetische und kommunikative Schablonen überführt. Filter, Vorlagen, AlgorithmusEmpfehlungen und kleinste Optimierungsroutinen formen ein Feld, in dem Individualität nicht als Selbstentfaltung zählt, sondern als Anpassungsleistung. Wer sichtbar sein will, muss sich in die visuellen und inhaltlichen Standards einfügen, die der Algorithmus bevorzugt. Individualität wird damit zu einer Ressource, die man kuratiert, optimiert, justiert und wenn möglich auch monetarisiert.
Die Plattformökonomie macht auch aus Sichtbarkeit eine Ware. Reichweite lässt sich kaufen, Content lässt sich bewerben, Profile lassen sich upgraden. Selbst das Versprechen, „authentisch“ zu sein, wird als Vorteil verkauft. Sichtbarkeit ist nicht länger eine Konsequenz von Individualität, sondern etwas, das man erwerben oder gegen permanenten Aufwand verteidigen muss. Die technische Infrastruktur verwandelt die eigene Person in ein Produkt, das gepflegt werden will, und das eigene Leben in eine Präsentationsfläche, die jederzeit optimiert werden kann.
So entsteht der Eindruck, Individualität sei ein Zusatzpaket, das man sich erst leisten können müsse, entweder durch zeitintensive Pflege des eigenen Profils oder durch den direkten Kauf von Reichweite, Filtern und Statusmerkmalen. Die Plattformen verstärken damit paradoxerweise das Gefühl, dass das Eigene nicht ausreicht. Das System privilegiert das Gleichförmige und inszeniert zugleich das Besondere; es belohnt Konformität und feiert gleichzeitig die Illusion des Einzigartigen. In diesem Spannungsfeld wird Individualität zu einem Produkt, das stets unperfekt bleibt und niemals wirklich abgeschlossen ist.
Die Generation Selfie antwortet darauf mit Ritualen der Selbstberuhigung: Das Foto wird zum Beweis der eigenen Präsenz, das geteilte Essen zum Signal, dass alles in Ordnung ist. Die Ökonomisierung des Privaten treibt einen Trend zur Selbstvermarktung voran, der auf Dauer erschöpft. Man lebt im Bewusstsein der eigenen Austauschbarkeit: Irgendjemand im Netz war immer schneller, attraktiver, origineller. Die Einsicht, in den versprochenen „15 Minutes of Fame“ doch nichts wirklich Besonderes sagen zu können, hinterlässt eine eigentümliche Mischung aus Selbstzweifel und Überforderung. Wo diese Gefühle in Gruppen aufeinandertreffen, entstehen jene eruptiven Dynamiken, die das Netz so gut kennt: Shitstorms, moralische Kampagnen und im Extremfall Hate Speech, der Ausdruck eines ohnmächtigen Individualismus ist.
Parallel dazu beschleunigt sich die Interaktion im Netz in einem Maß, das echte Kommunikation zunehmend verdrängt. Die Gegenwart schrumpft auf kurze Impulse, die sofortige Reaktion verlangen. Deliberation, das langsame, gemeinsame Überlegen, wird zum Ausnahmefall. Der Nowismus, der Drang zur unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung, überträgt sich aus den Interfaces in die Lebenswelt. Das vermeintliche Multitasking führt nicht zu gesteigerter Produktivität, sondern zu Gedächtnislücken, zu Oberflächlichkeit, zu jenem Gefühl der Sinnentleerung, das entsteht, wenn Aufmerksamkeit ständig geteilt und nie gebündelt wird.
XI. Eine Antwort auf die Digitalisierung: Datenschutz
Eine Antwort auf die Gefahren der Digitalisierung lautet seit den frühen Tagen der vernetzten Welt: Datenschutz. Die Idee des Datenschutzes ist eine Bürgerrechtsidee, entstanden aus dem Bewusstsein, dass technische Systeme in der Lage sind, unsere Privatheit zu unterwandern, lange bevor wir selbst die Tragweite dieser Entwicklung verstanden hatten. Der Datenschutz reagiert daher nicht nur auf bereits eingetretene Schäden, sondern antizipiert den drohenden Verlust individueller Souveränität. Er proklamiert, dass der Mensch Herr seiner Daten bleiben soll und dass diese Selbstbestimmung nicht dem technologischen Fortschritt geopfert werden darf.
Daraus entwickeln sich die Grundprinzipien des Datenschutzes: Fairness durch eine gegenseitige Abwägung der Interessen an der Nutzung persönlicher Daten; umfassende Transparenz über Art, Zweck und Umfang jeder Verarbeitung; Informations- und Auskunftsrechte, die dem Einzelnen erlauben, die Spur seiner Daten im digitalen Raum nachzuverfolgen; und schließlich die gezielte Begrenzung technischer Möglichkeiten dort, wo deren Einsatz die Freiheit des Individuums berührt.
Diese Prinzipien wirken wie eine juristische Gegenkraft zur technischen Verfügbarkeit der Person. Dieses innovative und umfassende Schutzkonzept unterstützt die Wahrnehmung des Individualgrundrechts durch staatliche Helfer (Datenschutzbeauftragte) und findet 2018, mit der EU-Datenschutz-Grundverordnung, europaweite Geltung.
XII. Ausblick: Und dann KI
Doch in dem Moment, in dem das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung zu wirken beginnt, entsteht eine neue technische Realität, die dieses Recht auf eine Weise herausfordert, die noch in den 1980er-Jahren unvorstellbar war. Mit der zunehmenden Digitalisierung wächst nicht nur die Menge der Daten, sondern auch ihre Auswertbarkeit. Big Data, die massenhafte Sammlung und Verknüpfung unterschiedlichster Informationsspuren, bildet die Grundlage für eine neue Generation von Systemen, die mehr tun, als Daten zu speichern oder zu sortieren: Sie beginnen, aus ihnen zu lernen.
Hier setzt jene Technologie ein, die wir heute unter dem Begriff Künstliche Intelligenz zusammenfassen. Aktuelle KI-Systeme werden nicht mehr auf festen Regeln programmiert. Stattdessen werden sie darauf trainiert zu lernen und Zusammenhänge zu erkennen, die ihnen niemand erklärt hat; sie entwickeln Wahrscheinlichkeitsmodelle für alle möglichen Szenarien. Sie arbeiten nicht mit einzelnen Datenpunkten, sondern mit statistischen Beziehungen zwischen Millionen von Datenpunkten. Hier verschiebt sich der Charakter der digitalen Verarbeitung noch einmal grundlegend. Früher konnten wir nachvollziehen, welche Information wir preisgeben und wofür sie genutzt wird. Heute entstehen Erkenntnisse über uns aus Daten, die wir nie bewusst zur Verfügung gestellt haben. Daten aus Mustern, die erst im Vergleich mit vielen anderen Menschen sichtbar werden. Eine Person wird nicht länger aus ihren eigenen Eingaben beschrieben, sondern aus ihrer Stellung in einem Geflecht statistischer Ähnlichkeiten im Vergleich zu anderen Personen.
Mit dem Aufstieg KI-basierter Systeme wird die Entwicklung weiter beschleunigt: Aus Daten werden Muster, aus Mustern Wahrscheinlichkeiten, und aus Wahrscheinlichkeiten Entscheidungen über Sichtbarkeit, Preise und Chancen. Die Steuerungswirkung verschiebt sich von bewusster Auswahl zu algorithmischer Vorauswahl. Digitalisierung schreitet voran – und verändert unsere Lebenswelt: Wie wir etwas wahrnehmen, was wir für bedeutsam halten und auch wie wir uns selbst in unserer Welt verorten.
*Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem neuen Buch von Florian Mehnert und Dr. Stefan Brink (KI und die Zukunft unserer Gesellschaft, 2026, 260 S.) – ein vielschichtiger Essay über Technik und Menschlichkeit im 21. Jahrhundert, geschrieben aus der gemeinsamen Perspektive eines Künstlers und eines Datenschützers. Der Maler, Multimedia- und Konzeptkünstler Florian Mehnert ist für seine experimentellen, manchmal auch provokativen Werke bekannt, die seinen erweiterten, interdisziplinären Kunstansatz medial umsetzen. Dr. Stefan Brink, früherer Landesdatenschutzbeauftragter von Baden-Württemberg, befasst sich als Jurist in seinem Berliner Institut wida mit den gesellschaftlichen Auswirkungen des Digitalen und ist heute einer der bekanntesten Datenschützer Deutschlands.
Dr. Stefan Brink
war von 2017 bis 2022 Landesbeauftragter für den Datenschutz und die
Informationsfreiheit Baden-Württemberg, er leitet seit 2023 das wissenschaftliche Digitalisierungs-Institut
wida/Berlin.
Florian Mehnert
ist ein deutscher Konzept- und Multimedia-Künstler. In seinem international anerkannten Werk verbindet er
künstlerisches Experimentieren mit
kritischen Reflexionen über die gesellschaftliche und ethischen Folgen neuer
Technologien.


